Ein Zwischenbericht wie jeder andere aus Lima, Villa El Salvador


Ich habe wirklich schreckliches Pech! Erst habe ich immer mit dem Bericht angefangen, zwei Tage später durchgelesen. Für nicht gut befunden, neu geschrieben. Seit einer halben Ewigkeit war mein Bericht fast fertig. Dann hab ich ihn geändert. Daraufhin wollte ich nur noch ein paar Bilder hinzufügen – Virus. Datei gelöscht. Neu geschrieben. Alles am Computer abgestürzt. Ganze Datei weg (war ein wirklich schöner Bericht), Computer neu formatieren lassen. Hat 4 Tage gedauert, bis er wieder auf Neuzustand war. Als ich endlich wieder Zeit hatte, den Bericht getippt, Bilder eingefügt. Wurde nicht fertig, am nächsten Tag wollte ich weiter machen. Probelizenz meines Programmes abgelaufen. Neu herunterladen wollen, Internetverbindung abgebrochen. Neuer Versuch... wieder. Neues Programm aber anderer Firma heruntergeladen, da schneller herunterzuladen. Dazu gezwungen, alles neu zu schreiben! Meine schönen Berichte =(

Deshalb müsst ihr jetzt euch mit einem weniger eindrucksvollen Bericht abgeben, der auch nicht halb so schön gestaltet ist. Und auch weniger geistreich. Mit weniger Witz und guten Pointen. Dies wird einfach ein Bericht... ganz gewöhnlich. Wie jeder andere. Naja. So ist das Leben eben. Es kann eben nicht alles gut gehen im Leben. Und bei mir läuft es sonst hier mehr als prächtig, was mich auch dazu veranlasst, nicht weiter über die Technik oder
andere Dinge zu klagen.






Lima – eine Stadt so vielfältig und facettenreich wie das Leben selbst
Eine Stadt, 43 Distrikte, achteinhalb Millionen Einwohner und ein jeder hat seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ob das nun der reiche Makler ist, der im Bonzenviertel La Molina wohnt oder der einfache Süßigkeitenverkäufer, der hier gleich um die Ecke wohnt. Nimmt man sich Zeit, um mit offenen Augen durch die vielen Winkel dieser Riesenstadt zu gehen, dann kann man gar nicht anders, als total beeindruckt zu sein. Ich bin beeindruckt. Und bin verliebt in eine Stadt, die pulsiert, die feiert, die trauert, die ernst und hässlich sein kann, einen beinahe zur Verzweiflung bringt von so Stumpfsinn und unnützen Dingen, und die auf der anderen Seite großartige Künstler beherbergt, eine Stadt, in der man jeden Tag von Unfällen, Raubzügen und Toten hört und die mir doch einfach ihr schönstes Gesicht gezeigt hat. Das ist Lima!


Lima ist voll von Gegensätzen, die krasser nicht sein könnten. Mir, die ich an die sogenannte Erste Welt gewöhnt bin, fällt das gar nicht so auf. Mir wurde das alles erst bewusst, als ich mehr mit einigen Freunden zu unternehmen begann. Und da wird es mir immer wieder bewusst, wenn ich die kleinen Kinder höre. Eines Abends hatte ich ein paar Freunde zum Reste verwerten eingeladen, da ich eine Woche alleine im Haus war und die riesige Menge an Essen, die mir hinterlassen worden war, unmöglich allein bewältigen konnte. Ein Freund hatte seine vierjährige Schwester mitgebracht. Sie betrat das Haus mit großen Augen und schaute dann auf den Kühlschrank: „Ist das ein Kühlschrank?“ „Ja Mirian, das ist ein Kühlschrank.“ Und Mirian öffnete ehrfürchtig die Türe, hielt ihre Hand in den Kühlschrank, danach den Kopf, strahlte mich mit ehrfürchtigen Augen an und meinte: „Das ist ja das coolste, das ich je gesehen habe“, lachte still in sich hinein und schloss den Kühlschrank, um ihn jedes Mal dann zu öffnen, wenn ich etwas brauchte.
Wenn man sich in Villa El Slvador in den Bus setzt, dann kommt man in guten 40 Minuten in eine Welt, in der die Touristen ihre Shoppingtouren veranstalten und sich über „Schnäppchen“ freuen, die sich in meinen Augen zu horrenden Preisen entwickelt haben. Man betritt die Welt von Rolltreppen, von Lichtern, geordneten Läden, stilvoll ausgeschmückten Schaufensterläden, Fastfoodketten, von Brunnen, von Aufzügen, von Badesalzen und Duftkerzen. Man betritt die erste Welt. In diese Welt gehe ich zur Zeit oft, da ein guter Freund dort eine Veranstaltung hat, die absolut beeindruckend ist. Eines Abends begab ich mich mit Lisbeth und Wilmer, zwei guten Freunden aus Deporte y Vida (sprich einer sehr, sehr, sehr bescheidenen Gegend Villa el Salvadors) in diese Welt... ein gigantisches Einkaufszentrum, in dem alle großen Marken in Sachen Kleider und Essen vertreten sind. Um uns die Zeit ein bisschen zu vertreiben, während wir auf den Auftritt warteten, fuhren wir mit der größten Freude Rolltreppe und Aufzug. Ich fand es total beeindruckend, wie sehr ich mich an diesen Luxus gewöhnt habe, der andere Leute, die ungefähr in meinem Alter oder etwas jünger sind, in Staunen versetzte. Wie bei kleinen Kinder eben, die in Allem noch ein kleines Wunder sehen. Jetzt erinnere ich mich wieder, wie ich als Kind beinahe ehrfürchtig auf eine Rolltreppe geklettert bin. Und ja, ich freue mich darüber, dieses Gefühl zu kennen. Die Welt in manchen Dingen wieder mit den Augen eines Kindes gesehen zu haben. Oder eben so peu a peu lerne, welche Gegenstände schon zu Luxus zählen. Rolltreppe, Aufzug und Kühlschrank gehören auf jeden Fall dazu.
Oder auch ein Grab in Erde, das mit einem Beet oder Ähnlichem versehen wurde. Im Monat Februar habe ich nämlich zwei Beerdigungen beigewohnt. Eine hat mich persönlich schwer getroffen, da es sich um eine 40 jährige Mutter handelte, die an Krebs gestorben ist. Fünf Kinder wurden zurückgelassen und ein Vater, der mit seiner Arbeit kaum Geld verdienen kann. Auch diese Frau kannte ich von Deporte y Vida.

Es gibt einen Friedhof in Villa El Salvador. Eine Sandwüste und ein Meer von Kreuzen und auf einer Seite Häuser. Vor einigen Jahren haben sich hier Menschen angesiedelt und konnten nicht vertrieben werden. Aufgrund dieser Invasion gibt es jetzt aber leider nicht mehr genug Platz für all die Toten. Wenn so weiter gestorben wird, dann ist innerhalb kürzester Zeit der Friedhof voll. Deshalb bekommen viele Leute ihr Grab ein Jahr lang vermietet. Wenn man danach eine bestimmte Kaution nicht zahlen kann, na dann hat man Pech gehabt. Das Grab wird ausgehoben und für jemanden anderen benutzt, der vielleicht zahlen kann.
Die verstorbene Senora Teresa wurde unter nicht endenden „Teresa Victoria Gonzales“ -“Presente“
(„Teresa Victoria Gonzales“ - „Anwesend“) nach der Totenwache zu einem Combi getragen, von dort aus zum Grab, das gerade noch von einem Angehörigen ausgehoben wurde, und dort beerdigt. Eine kleine Ansprache – kein Priester. Unter Tränen schaufelten viele Männer das Grab wieder zu, während ein einsamer Süßigkeitenverkäufer eine Bonboschachtel schüttelte, um darauf aufmerksam zu machen, dass man auch jetzt Süßigkeiten, Zigaretten und etwas zu Trinken kaufen könnte.Und dort liegt sie nun – vielleicht ein Jahr, vielleicht länger. Möge sie ruhen in Frieden.
Die zweite Beerdigung war von der Mutter von Sr Lucy, die auch an Krebs gestorben war. Unterschiedlicher hätten die beiden Beerdiungen gar nicht ablaufen können. Sr Lucys Mutter – obwohl auch arm, aber nicht halb so arm wie Senora Teresa – hatte dank einer liebenden Familie die Möglichkeit auf einem Friedhof begraben zu werden, der in einer Oase in einer ewigen Sandwüste liegt. Ein wunderschön angelegter Park und eine schöne Feier davor. Es gab aber nicht ganz so viele „Presente“ - Rufe und zum Schluss war ich mehr als geschockt! Vor versammelter Trauergemeinschaft wurde ein Bagger angeworfen und das Grab zugeschaufelt! Vor versammelter Trauergemeinschaft! Den Reaktionen der Angehörigen konnte man anmerken, dass die das auch nicht ganz so normal finden.

Meine Arbeit

Während der Ferien habe ich morgens bei den Martincitos gearbeitet. Meist jedoch in der Küche, wo sie mich sofort adoptiert haben und mir ganz selbstverständlich alles kleinschneiden ließen. Mir gefiel die Arbeit in der Küche sehr gut, auch wenn man manchmal nach einer Stunde Leberauseinandernehmen schrecklich eklige Hände hatte. Wenn in der Küche nichts mehr zu tun war, dann habe ich mich mit den alten Leuten beschäftigt. Sie sind einfach supersüß! Freuen sich immer unglaublich, dich zu sehen und wollen dir auch alle sofort einen Kuss auf die Backe drücken. Problem dabei ist aber, dass ich sehr oft nach diesem Kussmarathon auf der rechten Backe einen schrecklich juckenden Ausschlag hatte. Also versuchte ich, das so gut wie möglich einzuschränken. Mit mehr oder minder großem Erfolg, da die Herrschaften schrecklich beleidigt sein können, wenn man sie nicht anständig grüßt.
Außerdem half ich in meinem absoluten Lieblingsarbeitsplatz mit. Deporte y Vida. Hier führten wir „Talleres“ durch. Also verschiedene Workshops, um es auf Neudeutsch auszudrücken. Ich hatte einen Gitarren – und einen Origamitaller zugeteilt bekommen. Der Origamitaller war mehr als anstrengend, da er als „offener Taller“ durchging. Das bedeutet im Klartext, dass alle Kinder kommen konnten, oder eben nicht. Das bremste mich persönlich etwas aus, da ich nie etwas Komplexeres machen konnte, weil es immer Neue zu versorgen gab, die die Grundfalttechnik noch nicht kannten. Außerdem kamen auch zum Teil einfach 3 – jährige Kinder an, die aber schlichtweg noch zu jung für so etwas sind, da zu ihren Fähigkeiten noch nicht unbedingt zählt, exakt falten zu können. Dafür aber sehr nett lächeln, dass es mich überkam, ihnen alles zu falten.


Der Gitarrentaller gestaltete sich auch als unglaublich schwierig, da die Kinder sehr oft durch Abwesenheit glänzten. Außerdem hatten sie auch keine eigenen Gitarren. Aufgrund dessen war es ihnen auch unmöglich, zu üben. Aber somit war eben auch der Fortschritt gleich 0,0! Mit anderen Worten: Die Kinder lernten fast nichts. Sehr schade, aber ich versuche weiter mein Glück!

Im Augenblick arbeite ich nur noch im Colegio und Deporte y Vida und in der Kapelle, natürlich.
Im Colegio habe ich nach wie vor 4. und 5. Klassen mit Englischunterricht zu versogen, wobei sich das in soweit geändert hat, dass meine ehemaligen Sechstklässler jetzt in der weiterführenden Schule sind und meine Fünftklässler neu sind. Ich habe ja aufgrund der schlechten Ergebnisse des letzten Halbjahres gedacht, dass das, was ich von den Kindern verlangt habe, vielleicht etwas zu viel gewesen wäre. Aber da habe ich mich glaub ich getäuscht... ich habe vor Kurzem mit den Sechstklässlern einen Test geschrieben. Das war nur das absolut Grundlegende! „Hallo, wie geht es?“ und ähnliche Scherze. Die Stunde davor haben wir das alles noch einmal aufgeschrieben. Aber auch hier wurden mir Teste abgeliefert, die mich wirklich an meiner Unterrichtkunst zweifeln ließen. Es ist zum sich die Haare ausraufen. Man redet und redet und redet sich den Mund fusselig und bei den Kindern scheint nichts anzukommen.

Auch wenn ich den Kindern ein Lied beibringe, können sie es ganz gut mitsingen, nachdem man mit viel Geduld die Aussprache geübt hat. Aber danach erinnern sie sich leider nicht mehr daran, was genau die Übersetzung war. Aber dafür lieben sie meine Lieder. Eine Schülerin meinte neulich zu mir. „Christina, Sie sollten Musik unterrichten!“ Das schmeichelt mir zwar schon ein bisschen, bringt mich aber in dem Punkt „Ich bringe euch Englisch bei!“ auf keinen Fall weiter! Ich hatte eine interessante Unterhaltung mit einem Lehrer von Fe y Alegriá. Der hat mir erzählt, dass wohl das größte Problem sei, dass die Kinder nicht daran gewöhnt sind, zu lesen. Hier liegt der Jahresdurchschnitt bei einem Buch pro Person. Zum Vergleich: In Europa liegt er bei 9 Büchern, in den Staaten bei 5,5.

Außerdem wurde ich auch zur Cotutorin gemacht. Das heißt, dass ich in der Secundaria (der weiterführenden Schule) in einem Salon zwei Tutorstunden in der Woche mit leite. Es ist schwieriger als ich gedacht habe, da die Kinder 13 Jahre alt sind. Ich weiß, dass das ein schwieriges Alter ist. Aber dass es so schwierig sein könnte... Die Leute mögen nichts. Keine gruppendynamischen Spiele, keine Lieder... nichts! Da muss ich noch was finden, um sie motivieren zu können.

Und einmal die Woche bin ich noch in Aprendamos Juntos. Viel mit Kindern habe ich da im Augenblick nicht zu tun. Eher mit Bergen von Papier und Computern, da ich Teste auswerten darf, oder veraltete Teste ausmisten. Aber im Mai fangen wieder Sessionen mit den Kindern an.

Mit meiner Arbeit in der Behindertenschule habe ich aufgehört. Ich fand die Arbeit sehr schön, aber leider reicht mir die Zeit nicht mehr aus.

In der Comunidad hat sich einiges geändert. Die größte – ungewollte - Veränderung ist, dass Schwester Marcella für eine Operation nach Puerto Rico geflogen werden musste. Schwester Marcella war im anderen Kloster des Konventes in einem anderen Stadtteil Limas. Als zweites ist auch leider Karina nach Canto Grande (der Stadtteil Limas) geschickt worden, um dort zu leben. Dafür ist bei uns jetzt Schwester Lili, die früher in Canto Grande war, bei uns. Oder auch nicht... Sie reist ziemlich viel aufgrund ihrer Arbeit im Konvent. Die Jugendlichen der Gemeinde sind alle ganz unglücklich, dass Karina gegangen ist. Sie war einfach eine ganz Tolle! Volle 1,40 groß, aber das macht ihr Mundewerk wieder wett, wie man das eben so schön auf schwäbisch ausdrücken würde. Sie hat eine ganz besondere Gabe, die Herzen der Menschen zu berühren, mit dem, was sie sagte. Und vor Allem, wie sie es sagte.


Es wird langsam kühler hier. Man merkt es nachts. Da läuft man nämlich gar nicht mehr gerne ohne Jacke durch die Gegend. Das macht mich nicht gerade glücklich. Denn ich will gar nicht erst an die Zeit denken, in der es wieder kalt wird und man nur unter der Dusche warm wird. Es ist auch ganz ungewohnt, wenn man hört, dass der Juli richtig kalt wird. Denn für mich ist „Juli““ der Inbegriff warmen Wetters. Aber so ist es eben. Ich hatte Weihnachten in warmen Wetter, an Silvester nicht gefroren und bei den Dreikönigen wusste ich schon gar nicht mehr, wie es ist, abgefrorene Hände zu haben. Bei den Carnavales haben wir uns mit Wasser und Farbe angespritzt... Eben alles nur möglich, wenn man einigermaßen warmes Wetter hat. Aber noch kann man es ja ausnutzen =) Am besten mit gaaaaaaaaaaaaaanz vielen Mangos! Die leider auch schon sehr bald zu Neige gehen.... Nein! Ich will, dass Sommer bleibt!!!

Und hiermit will ich dann auch mit meinem Bericht schließen. Einem Bericht, der ganz kurz mein Leben hier anreißt, aber nie in Worte fassen könnte, was dieses Leben hier ausmacht. Ich freue mich auf jeden Tag, habe immer etwas zu tun, lebe in einer schönen Comunidad... mache meine Erfahrungen. Manchmal immer noch tastend und nach Halt suchend. Aber doch immer sicherer und selbstverständlicher. Ich versuche, alles in mich einzusaugen, was ich hier Neues kennenlerne. Mir ein Bild von dem Leben hier zu machen. Mein Bild, zum Teil, wie ich es selbst haben will. Nach meinen Vorstellungen der Farbkonstellationen, aber immer öfter gebe ich auch den Stift ab und lasse andere dieses Bild mit seiner Lieblingsfarbe aufpeppen und stelle fest, dass genau diese Farbe gefehlt hat, um mein Bild zu verschönern. Es wird nie perfekt werden, aber durch die verschieden Farben immer interessanter. Ich bin mir auch sicher, dass Gott sehr oft zu einem Stift greift und in meinem Bild seine Spuren hinterlässt. Und dafür danke ich ihm.









Ein Zwischenbericht wie jeder andere aus Lima, Villa El Salvador


Ich habe wirklich schreckliches Pech! Erst habe ich immer mit dem Bericht angefangen, zwei Tage später durchgelesen. Für nicht gut befunden, neu geschrieben. Seit einer halben Ewigkeit war mein Bericht fast fertig. Dann hab ich ihn geändert. Daraufhin wollte ich nur noch ein paar Bilder hinzufügen – Virus. Datei gelöscht. Neu geschrieben. Alles am Computer abgestürzt. Ganze Datei weg (war ein wirklich schöner Bericht), Computer neu formatieren lassen. Hat 4 Tage gedauert, bis er wieder auf Neuzustand war. Als ich endlich wieder Zeit hatte, den Bericht getippt, Bilder eingefügt. Wurde nicht fertig, am nächsten Tag wollte ich weiter machen. Probelizenz meines Programmes abgelaufen. Neu herunterladen wollen, Internetverbindung abgebrochen. Neuer Versuch... wieder. Neues Programm aber anderer Firma heruntergeladen, da schneller herunterzuladen. Dazu gezwungen, alles neu zu schreiben! Meine schönen Berichte =(

Deshalb müsst ihr jetzt euch mit einem weniger eindrucksvollen Bericht abgeben, der auch nicht halb so schön gestaltet ist. Und auch weniger geistreich. Mit weniger Witz und guten Pointen. Dies wird einfach ein Bericht... ganz gewöhnlich. Wie jeder andere. Naja. So ist das Leben eben. Es kann eben nicht alles gut gehen im Leben. Und bei mir läuft es sonst hier mehr als prächtig, was mich auch dazu veranlasst, nicht weiter über die Technik oder
andere Dinge zu klagen.





Lima – eine Stadt so vielfältig und facettenreich wie das Leben selbst
Eine Stadt, 43 Distrikte, achteinhalb Millionen Einwohner und ein jeder hat seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ob das nun der reiche Makler ist, der im Bonzenviertel La Molina wohnt oder der einfache Süßigkeitenverkäufer, der hier gleich um die Ecke wohnt. Nimmt man sich Zeit, um mit offenen Augen durch die vielen Winkel dieser Riesenstadt zu gehen, dann kann man gar nicht anders, als total beeindruckt zu sein. Ich bin beeindruckt. Und bin verliebt in eine Stadt, die pulsiert, die feiert, die trauert, die ernst und hässlich sein kann, einen beinahe zur Verzweiflung bringt von so Stumpfsinn und unnützen Dingen, und die auf der anderen Seite großartige Künstler beherbergt, eine Stadt, in der man jeden Tag von Unfällen, Raubzügen und Toten hört und die mir doch einfach ihr schönstes Gesicht gezeigt hat. Das ist Lima!


Lima ist voll von Gegensätzen, die krasser nicht sein könnten. Mir, die ich an die sogenannte Erste Welt gewöhnt bin, fällt das gar nicht so auf. Mir wurde das alles erst bewusst, als ich mehr mit einigen Freunden zu unternehmen begann. Und da wird es mir immer wieder bewusst, wenn ich die kleinen Kinder höre. Eines Abends hatte ich ein paar Freunde zum Reste verwerten eingeladen, da ich eine Woche alleine im Haus war und die riesige Menge an Essen, die mir hinterlassen worden war, unmöglich allein bewältigen konnte. Ein Freund hatte seine vierjährige Schwester mitgebracht. Sie betrat das Haus mit großen Augen und schaute dann auf den Kühlschrank: „Ist das ein Kühlschrank?“ „Ja Mirian, das ist ein Kühlschrank.“ Und Mirian öffnete ehrfürchtig die Türe, hielt ihre Hand in den Kühlschrank, danach den Kopf, strahlte mich mit ehrfürchtigen Augen an und meinte: „Das ist ja das coolste, das ich je gesehen habe“, lachte still in sich hinein und schloss den Kühlschrank, um ihn jedes Mal dann zu öffnen, wenn ich etwas brauchte.
Wenn man sich in Villa El Slvador in den Bus setzt, dann kommt man in guten 40 Minuten in eine Welt, in der die Touristen ihre Shoppingtouren veranstalten und sich über „Schnäppchen“ freuen, die sich in meinen Augen zu horrenden Preisen entwickelt haben. Man betritt die Welt von Rolltreppen, von Lichtern, geordneten Läden, stilvoll ausgeschmückten Schaufensterläden, Fastfoodketten, von Brunnen, von Aufzügen, von Badesalzen und Duftkerzen. Man betritt die erste Welt. In diese Welt gehe ich zur Zeit oft, da ein guter Freund dort eine Veranstaltung hat, die absolut beeindruckend ist. Eines Abends begab ich mich mit Lisbeth und Wilmer, zwei guten Freunden aus Deporte y Vida (sprich einer sehr, sehr, sehr bescheidenen Gegend Villa el Salvadors) in diese Welt... ein gigantisches Einkaufszentrum, in dem alle großen Marken in Sachen Kleider und Essen vertreten sind. Um uns die Zeit ein bisschen zu vertreiben, während wir auf den Auftritt warteten, fuhren wir mit der größten Freude Rolltreppe und Aufzug. Ich fand es total beeindruckend, wie sehr ich mich an diesen Luxus gewöhnt habe, der andere Leute, die ungefähr in meinem Alter oder etwas jünger sind, in Staunen versetzte. Wie bei kleinen Kinder eben, die in Allem noch ein kleines Wunder sehen. Jetzt erinnere ich mich wieder, wie ich als Kind beinahe ehrfürchtig auf eine Rolltreppe geklettert bin. Und ja, ich freue mich darüber, dieses Gefühl zu kennen. Die Welt in manchen Dingen wieder mit den Augen eines Kindes gesehen zu haben. Oder eben so peu a peu lerne, welche Gegenstände schon zu Luxus zählen. Rolltreppe, Aufzug und Kühlschrank gehören auf jeden Fall dazu.
Oder auch ein Grab in Erde, das mit einem Beet oder Ähnlichem versehen wurde. Im Monat Februar habe ich nämlich zwei Beerdigungen beigewohnt. Eine hat mich persönlich schwer getroffen, da es sich um eine 40 jährige Mutter handelte, die an Krebs gestorben ist. Fünf Kinder wurden zurückgelassen und ein Vater, der mit seiner Arbeit kaum Geld verdienen kann. Auch diese Frau kannte ich von Deporte y Vida.
Es gibt einen Friedhof in Villa El Salvador. Eine Sandwüste und ein Meer von Kreuzen und auf einer Seite Häuser. Vor einigen Jahren haben sich hier Menschen angesiedelt und konnten nicht vertrieben werden. Aufgrund dieser Invasion gibt es jetzt aber leider nicht mehr genug Platz für all die Toten. Wenn so weiter gestorben wird, dann ist innerhalb kürzester Zeit der Friedhof voll. Deshalb bekommen viele Leute ihr Grab ein Jahr lang vermietet. Wenn man danach eine bestimmte Kaution nicht zahlen kann, na dann hat man Pech gehabt. Das Grab wird ausgehoben und für jemanden anderen benutzt, der vielleicht zahlen kann.
Die verstorbene Senora Teresa wurde unter nicht endenden „Teresa Victoria Gonzales“ -“Presente“
(„Teresa Victoria Gonzales“ - „Anwesend“) nach der Totenwache zu einem Combi getragen, von dort aus zum Grab, das gerade noch von einem Angehörigen ausgehoben wurde, und dort beerdigt. Eine kleine Ansprache – kein Priester. Unter Tränen schaufelten viele Männer das Grab wieder zu, während ein einsamer Süßigkeitenverkäufer eine Bonboschachtel schüttelte, um darauf aufmerksam zu machen, dass man auch jetzt Süßigkeiten, Zigaretten und etwas zu Trinken kaufen könnte.Und dort liegt sie nun – vielleicht ein Jahr, vielleicht länger. Möge sie ruhen in Frieden.
Die zweite Beerdigung war von der Mutter von Sr Lucy, die auch an Krebs gestorben war. Unterschiedlicher hätten die beiden Beerdiungen gar nicht ablaufen können. Sr Lucys Mutter – obwohl auch arm, aber nicht halb so arm wie Senora Teresa – hatte dank einer liebenden Familie die Möglichkeit auf einem Friedhof begraben zu werden, der in einer Oase in einer ewigen Sandwüste liegt. Ein wunderschön angelegter Park und eine schöne Feier davor. Es gab aber nicht ganz so viele „Presente“ - Rufe und zum Schluss war ich mehr als geschockt! Vor versammelter Trauergemeinschaft wurde ein Bagger angeworfen und das Grab zugeschaufelt! Vor versammelter Trauergemeinschaft! Den Reaktionen der Angehörigen konnte man anmerken, dass die das auch nicht ganz so normal finden.

Meine Arbeit

Während der Ferien habe ich morgens bei den Martincitos gearbeitet. Meist jedoch in der Küche, wo sie mich sofort adoptiert haben und mir ganz selbstverständlich alles kleinschneiden ließen. Mir gefiel die Arbeit in der Küche sehr gut, auch wenn man manchmal nach einer Stunde Leberauseinandernehmen schrecklich eklige Hände hatte. Wenn in der Küche nichts mehr zu tun war, dann habe ich mich mit den alten Leuten beschäftigt. Sie sind einfach supersüß! Freuen sich immer unglaublich, dich zu sehen und wollen dir auch alle sofort einen Kuss auf die Backe drücken. Problem dabei ist aber, dass ich sehr oft nach diesem Kussmarathon auf der rechten Backe einen schrecklich juckenden Ausschlag hatte. Also versuchte ich, das so gut wie möglich einzuschränken. Mit mehr oder minder großem Erfolg, da die Herrschaften schrecklich beleidigt sein können, wenn man sie nicht anständig grüßt.
Außerdem half ich in meinem absoluten Lieblingsarbeitsplatz mit. Deporte y Vida. Hier führten wir „Talleres“ durch. Also verschiedene Workshops, um es auf Neudeutsch auszudrücken. Ich hatte einen Gitarren – und einen Origamitaller zugeteilt bekommen. Der Origamitaller war mehr als anstrengend, da er als „offener Taller“ durchging. Das bedeutet im Klartext, dass alle Kinder kommen konnten, oder eben nicht. Das bremste mich persönlich etwas aus, da ich nie etwas Komplexeres machen konnte, weil es immer Neue zu versorgen gab, die die Grundfalttechnik noch nicht kannten. Außerdem kamen auch zum Teil einfach 3 – jährige Kinder an, die aber schlichtweg noch zu jung für so etwas sind, da zu ihren Fähigkeiten noch nicht unbedingt zählt, exakt falten zu können. Dafür aber sehr nett lächeln, dass es mich überkam, ihnen alles zu falten.


Der Gitarrentaller gestaltete sich auch als unglaublich schwierig, da die Kinder sehr oft durch Abwesenheit glänzten. Außerdem hatten sie auch keine eigenen Gitarren. Aufgrund dessen war es ihnen auch unmöglich, zu üben. Aber somit war eben auch der Fortschritt gleich 0,0! Mit anderen Worten: Die Kinder lernten fast nichts. Sehr schade, aber ich versuche weiter mein Glück!

Im Augenblick arbeite ich nur noch im Colegio und Deporte y Vida und in der Kapelle, natürlich.
Im Colegio habe ich nach wie vor 4. und 5. Klassen mit Englischunterricht zu versogen, wobei sich das in soweit geändert hat, dass meine ehemaligen Sechstklässler jetzt in der weiterführenden Schule sind und meine Fünftklässler neu sind. Ich habe ja aufgrund der schlechten Ergebnisse des letzten Halbjahres gedacht, dass das, was ich von den Kindern verlangt habe, vielleicht etwas zu viel gewesen wäre. Aber da habe ich mich glaub ich getäuscht... ich habe vor Kurzem mit den Sechstklässlern einen Test geschrieben. Das war nur das absolut Grundlegende! „Hallo, wie geht es?“ und ähnliche Scherze. Die Stunde davor haben wir das alles noch einmal aufgeschrieben. Aber auch hier wurden mir Teste abgeliefert, die mich wirklich an meiner Unterrichtkunst zweifeln ließen. Es ist zum sich die Haare ausraufen. Man redet und redet und redet sich den Mund fusselig und bei den Kindern scheint nichts anzukommen.

Auch wenn ich den Kindern ein Lied beibringe, können sie es ganz gut mitsingen, nachdem man mit viel Geduld die Aussprache geübt hat. Aber danach erinnern sie sich leider nicht mehr daran, was genau die Übersetzung war. Aber dafür lieben sie meine Lieder. Eine Schülerin meinte neulich zu mir. „Christina, Sie sollten Musik unterrichten!“ Das schmeichelt mir zwar schon ein bisschen, bringt mich aber in dem Punkt „Ich bringe euch Englisch bei!“ auf keinen Fall weiter! Ich hatte eine interessante Unterhaltung mit einem Lehrer von Fe y Alegriá. Der hat mir erzählt, dass wohl das größte Problem sei, dass die Kinder nicht daran gewöhnt sind, zu lesen. Hier liegt der Jahresdurchschnitt bei einem Buch pro Person. Zum Vergleich: In Europa liegt er bei 9 Büchern, in den Staaten bei 5,5.

Außerdem wurde ich auch zur Cotutorin gemacht. Das heißt, dass ich in der Secundaria (der weiterführenden Schule) in einem Salon zwei Tutorstunden in der Woche mit leite. Es ist schwieriger als ich gedacht habe, da die Kinder 13 Jahre alt sind. Ich weiß, dass das ein schwieriges Alter ist. Aber dass es so schwierig sein könnte... Die Leute mögen nichts. Keine gruppendynamischen Spiele, keine Lieder... nichts! Da muss ich noch was finden, um sie motivieren zu können.

Und einmal die Woche bin ich noch in Aprendamos Juntos. Viel mit Kindern habe ich da im Augenblick nicht zu tun. Eher mit Bergen von Papier und Computern, da ich Teste auswerten darf, oder veraltete Teste ausmisten. Aber im Mai fangen wieder Sessionen mit den Kindern an.

Mit meiner Arbeit in der Behindertenschule habe ich aufgehört. Ich fand die Arbeit sehr schön, aber leider reicht mir die Zeit nicht mehr aus.

In der Comunidad hat sich einiges geändert. Die größte – ungewollte - Veränderung ist, dass Schwester Marcella für eine Operation nach Puerto Rico geflogen werden musste. Schwester Marcella war im anderen Kloster des Konventes in einem anderen Stadtteil Limas. Als zweites ist auch leider Karina nach Canto Grande (der Stadtteil Limas) geschickt worden, um dort zu leben. Dafür ist bei uns jetzt Schwester Lili, die früher in Canto Grande war, bei uns. Oder auch nicht... Sie reist ziemlich viel aufgrund ihrer Arbeit im Konvent. Die Jugendlichen der Gemeinde sind alle ganz unglücklich, dass Karina gegangen ist. Sie war einfach eine ganz Tolle! Volle 1,40 groß, aber das macht ihr Mundewerk wieder wett, wie man das eben so schön auf schwäbisch ausdrücken würde. Sie hat eine ganz besondere Gabe, die Herzen der Menschen zu berühren, mit dem, was sie sagte. Und vor Allem, wie sie es sagte.


Es wird langsam kühler hier. Man merkt es nachts. Da läuft man nämlich gar nicht mehr gerne ohne Jacke durch die Gegend. Das macht mich nicht gerade glücklich. Denn ich will gar nicht erst an die Zeit denken, in der es wieder kalt wird und man nur unter der Dusche warm wird. Es ist auch ganz ungewohnt, wenn man hört, dass der Juli richtig kalt wird. Denn für mich ist „Juli““ der Inbegriff warmen Wetters. Aber so ist es eben. Ich hatte Weihnachten in warmen Wetter, an Silvester nicht gefroren und bei den Dreikönigen wusste ich schon gar nicht mehr, wie es ist, abgefrorene Hände zu haben. Bei den Carnavales haben wir uns mit Wasser und Farbe angespritzt... Eben alles nur möglich, wenn man einigermaßen warmes Wetter hat. Aber noch kann man es ja ausnutzen =) Am besten mit gaaaaaaaaaaaaaanz vielen Mangos! Die leider auch schon sehr bald zu Neige gehen.... Nein! Ich will, dass Sommer bleibt!!!

Und hiermit will ich dann auch mit meinem Bericht schließen. Einem Bericht, der ganz kurz mein Leben hier anreißt, aber nie in Worte fassen könnte, was dieses Leben hier ausmacht. Ich freue mich auf jeden Tag, habe immer etwas zu tun, lebe in einer schönen Comunidad... mache meine Erfahrungen. Manchmal immer noch tastend und nach Halt suchend. Aber doch immer sicherer und selbstverständlicher. Ich versuche, alles in mich einzusaugen, was ich hier Neues kennenlerne. Mir ein Bild von dem Leben hier zu machen. Mein Bild, zum Teil, wie ich es selbst haben will. Nach meinen Vorstellungen der Farbkonstellationen, aber immer öfter gebe ich auch den Stift ab und lasse andere dieses Bild mit seiner Lieblingsfarbe aufpeppen und stelle fest, dass genau diese Farbe gefehlt hat, um mein Bild zu verschönern. Es wird nie perfekt werden, aber durch die verschieden Farben immer interessanter. Ich bin mir auch sicher, dass Gott sehr oft zu einem Stift greift und in meinem Bild seine Spuren hinterlässt. Und dafür danke ich ihm.









Ein Zwischenbericht wie jeder andere aus Lima, Villa El Salvador


Ich habe wirklich schreckliches Pech! Erst habe ich immer mit dem Bericht angefangen, zwei Tage später durchgelesen. Für nicht gut befunden, neu geschrieben. Seit einer halben Ewigkeit war mein Bericht fast fertig. Dann hab ich ihn geändert. Daraufhin wollte ich nur noch ein paar Bilder hinzufügen – Virus. Datei gelöscht. Neu geschrieben. Alles am Computer abgestürzt. Ganze Datei weg (war ein wirklich schöner Bericht), Computer neu formatieren lassen. Hat 4 Tage gedauert, bis er wieder auf Neuzustand war. Als ich endlich wieder Zeit hatte, den Bericht getippt, Bilder eingefügt. Wurde nicht fertig, am nächsten Tag wollte ich weiter machen. Probelizenz meines Programmes abgelaufen. Neu herunterladen wollen, Internetverbindung abgebrochen. Neuer Versuch... wieder. Neues Programm aber anderer Firma heruntergeladen, da schneller herunterzuladen. Dazu gezwungen, alles neu zu schreiben! Meine schönen Berichte =(

Deshalb müsst ihr jetzt euch mit einem weniger eindrucksvollen Bericht abgeben, der auch nicht halb so schön gestaltet ist. Und auch weniger geistreich. Mit weniger Witz und guten Pointen. Dies wird einfach ein Bericht... ganz gewöhnlich. Wie jeder andere. Naja. So ist das Leben eben. Es kann eben nicht alles gut gehen im Leben. Und bei mir läuft es sonst hier mehr als prächtig, was mich auch dazu veranlasst, nicht weiter über die Technik oder
andere Dinge zu klagen.





Lima – eine Stadt so vielfältig und facettenreich wie das Leben selbst
Eine Stadt, 43 Distrikte, achteinhalb Millionen Einwohner und ein jeder hat seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ob das nun der reiche Makler ist, der im Bonzenviertel La Molina wohnt oder der einfache Süßigkeitenverkäufer, der hier gleich um die Ecke wohnt. Nimmt man sich Zeit, um mit offenen Augen durch die vielen Winkel dieser Riesenstadt zu gehen, dann kann man gar nicht anders, als total beeindruckt zu sein. Ich bin beeindruckt. Und bin verliebt in eine Stadt, die pulsiert, die feiert, die trauert, die ernst und hässlich sein kann, einen beinahe zur Verzweiflung bringt von so Stumpfsinn und unnützen Dingen, und die auf der anderen Seite großartige Künstler beherbergt, eine Stadt, in der man jeden Tag von Unfällen, Raubzügen und Toten hört und die mir doch einfach ihr schönstes Gesicht gezeigt hat. Das ist Lima!


Lima ist voll von Gegensätzen, die krasser nicht sein könnten. Mir, die ich an die sogenannte Erste Welt gewöhnt bin, fällt das gar nicht so auf. Mir wurde das alles erst bewusst, als ich mehr mit einigen Freunden zu unternehmen begann. Und da wird es mir immer wieder bewusst, wenn ich die kleinen Kinder höre. Eines Abends hatte ich ein paar Freunde zum Reste verwerten eingeladen, da ich eine Woche alleine im Haus war und die riesige Menge an Essen, die mir hinterlassen worden war, unmöglich allein bewältigen konnte. Ein Freund hatte seine vierjährige Schwester mitgebracht. Sie betrat das Haus mit großen Augen und schaute dann auf den Kühlschrank: „Ist das ein Kühlschrank?“ „Ja Mirian, das ist ein Kühlschrank.“ Und Mirian öffnete ehrfürchtig die Türe, hielt ihre Hand in den Kühlschrank, danach den Kopf, strahlte mich mit ehrfürchtigen Augen an und meinte: „Das ist ja das coolste, das ich je gesehen habe“, lachte still in sich hinein und schloss den Kühlschrank, um ihn jedes Mal dann zu öffnen, wenn ich etwas brauchte.
Wenn man sich in Villa El Slvador in den Bus setzt, dann kommt man in guten 40 Minuten in eine Welt, in der die Touristen ihre Shoppingtouren veranstalten und sich über „Schnäppchen“ freuen, die sich in meinen Augen zu horrenden Preisen entwickelt haben. Man betritt die Welt von Rolltreppen, von Lichtern, geordneten Läden, stilvoll ausgeschmückten Schaufensterläden, Fastfoodketten, von Brunnen, von Aufzügen, von Badesalzen und Duftkerzen. Man betritt die erste Welt. In diese Welt gehe ich zur Zeit oft, da ein guter Freund dort eine Veranstaltung hat, die absolut beeindruckend ist. Eines Abends begab ich mich mit Lisbeth und Wilmer, zwei guten Freunden aus Deporte y Vida (sprich einer sehr, sehr, sehr bescheidenen Gegend Villa el Salvadors) in diese Welt... ein gigantisches Einkaufszentrum, in dem alle großen Marken in Sachen Kleider und Essen vertreten sind. Um uns die Zeit ein bisschen zu vertreiben, während wir auf den Auftritt warteten, fuhren wir mit der größten Freude Rolltreppe und Aufzug. Ich fand es total beeindruckend, wie sehr ich mich an diesen Luxus gewöhnt habe, der andere Leute, die ungefähr in meinem Alter oder etwas jünger sind, in Staunen versetzte. Wie bei kleinen Kinder eben, die in Allem noch ein kleines Wunder sehen. Jetzt erinnere ich mich wieder, wie ich als Kind beinahe ehrfürchtig auf eine Rolltreppe geklettert bin. Und ja, ich freue mich darüber, dieses Gefühl zu kennen. Die Welt in manchen Dingen wieder mit den Augen eines Kindes gesehen zu haben. Oder eben so peu a peu lerne, welche Gegenstände schon zu Luxus zählen. Rolltreppe, Aufzug und Kühlschrank gehören auf jeden Fall dazu.
Oder auch ein Grab in Erde, das mit einem Beet oder Ähnlichem versehen wurde. Im Monat Februar habe ich nämlich zwei Beerdigungen beigewohnt. Eine hat mich persönlich schwer getroffen, da es sich um eine 40 jährige Mutter handelte, die an Krebs gestorben ist. Fünf Kinder wurden zurückgelassen und ein Vater, der mit seiner Arbeit kaum Geld verdienen kann. Auch diese Frau kannte ich von Deporte y Vida.
Es gibt einen Friedhof in Villa El Salvador. Eine Sandwüste und ein Meer von Kreuzen und auf einer Seite Häuser. Vor einigen Jahren haben sich hier Menschen angesiedelt und konnten nicht vertrieben werden. Aufgrund dieser Invasion gibt es jetzt aber leider nicht mehr genug Platz für all die Toten. Wenn so weiter gestorben wird, dann ist innerhalb kürzester Zeit der Friedhof voll. Deshalb bekommen viele Leute ihr Grab ein Jahr lang vermietet. Wenn man danach eine bestimmte Kaution nicht zahlen kann, na dann hat man Pech gehabt. Das Grab wird ausgehoben und für jemanden anderen benutzt, der vielleicht zahlen kann.
Die verstorbene Senora Teresa wurde unter nicht endenden „Teresa Victoria Gonzales“ -“Presente“
(„Teresa Victoria Gonzales“ - „Anwesend“) nach der Totenwache zu einem Combi getragen, von dort aus zum Grab, das gerade noch von einem Angehörigen ausgehoben wurde, und dort beerdigt. Eine kleine Ansprache – kein Priester. Unter Tränen schaufelten viele Männer das Grab wieder zu, während ein einsamer Süßigkeitenverkäufer eine Bonboschachtel schüttelte, um darauf aufmerksam zu machen, dass man auch jetzt Süßigkeiten, Zigaretten und etwas zu Trinken kaufen könnte.Und dort liegt sie nun – vielleicht ein Jahr, vielleicht länger. Möge sie ruhen in Frieden.
Die zweite Beerdigung war von der Mutter von Sr Lucy, die auch an Krebs gestorben war. Unterschiedlicher hätten die beiden Beerdiungen gar nicht ablaufen können. Sr Lucys Mutter – obwohl auch arm, aber nicht halb so arm wie Senora Teresa – hatte dank einer liebenden Familie die Möglichkeit auf einem Friedhof begraben zu werden, der in einer Oase in einer ewigen Sandwüste liegt. Ein wunderschön angelegter Park und eine schöne Feier davor. Es gab aber nicht ganz so viele „Presente“ - Rufe und zum Schluss war ich mehr als geschockt! Vor versammelter Trauergemeinschaft wurde ein Bagger angeworfen und das Grab zugeschaufelt! Vor versammelter Trauergemeinschaft! Den Reaktionen der Angehörigen konnte man anmerken, dass die das auch nicht ganz so normal finden.

Meine Arbeit

Während der Ferien habe ich morgens bei den Martincitos gearbeitet. Meist jedoch in der Küche, wo sie mich sofort adoptiert haben und mir ganz selbstverständlich alles kleinschneiden ließen. Mir gefiel die Arbeit in der Küche sehr gut, auch wenn man manchmal nach einer Stunde Leberauseinandernehmen schrecklich eklige Hände hatte. Wenn in der Küche nichts mehr zu tun war, dann habe ich mich mit den alten Leuten beschäftigt. Sie sind einfach supersüß! Freuen sich immer unglaublich, dich zu sehen und wollen dir auch alle sofort einen Kuss auf die Backe drücken. Problem dabei ist aber, dass ich sehr oft nach diesem Kussmarathon auf der rechten Backe einen schrecklich juckenden Ausschlag hatte. Also versuchte ich, das so gut wie möglich einzuschränken. Mit mehr oder minder großem Erfolg, da die Herrschaften schrecklich beleidigt sein können, wenn man sie nicht anständig grüßt.
Außerdem half ich in meinem absoluten Lieblingsarbeitsplatz mit. Deporte y Vida. Hier führten wir „Talleres“ durch. Also verschiedene Workshops, um es auf Neudeutsch auszudrücken. Ich hatte einen Gitarren – und einen Origamitaller zugeteilt bekommen. Der Origamitaller war mehr als anstrengend, da er als „offener Taller“ durchging. Das bedeutet im Klartext, dass alle Kinder kommen konnten, oder eben nicht. Das bremste mich persönlich etwas aus, da ich nie etwas Komplexeres machen konnte, weil es immer Neue zu versorgen gab, die die Grundfalttechnik noch nicht kannten. Außerdem kamen auch zum Teil einfach 3 – jährige Kinder an, die aber schlichtweg noch zu jung für so etwas sind, da zu ihren Fähigkeiten noch nicht unbedingt zählt, exakt falten zu können. Dafür aber sehr nett lächeln, dass es mich überkam, ihnen alles zu falten.


Der Gitarrentaller gestaltete sich auch als unglaublich schwierig, da die Kinder sehr oft durch Abwesenheit glänzten. Außerdem hatten sie auch keine eigenen Gitarren. Aufgrund dessen war es ihnen auch unmöglich, zu üben. Aber somit war eben auch der Fortschritt gleich 0,0! Mit anderen Worten: Die Kinder lernten fast nichts. Sehr schade, aber ich versuche weiter mein Glück!

Im Augenblick arbeite ich nur noch im Colegio und Deporte y Vida und in der Kapelle, natürlich.
Im Colegio habe ich nach wie vor 4. und 5. Klassen mit Englischunterricht zu versogen, wobei sich das in soweit geändert hat, dass meine ehemaligen Sechstklässler jetzt in der weiterführenden Schule sind und meine Fünftklässler neu sind. Ich habe ja aufgrund der schlechten Ergebnisse des letzten Halbjahres gedacht, dass das, was ich von den Kindern verlangt habe, vielleicht etwas zu viel gewesen wäre. Aber da habe ich mich glaub ich getäuscht... ich habe vor Kurzem mit den Sechstklässlern einen Test geschrieben. Das war nur das absolut Grundlegende! „Hallo, wie geht es?“ und ähnliche Scherze. Die Stunde davor haben wir das alles noch einmal aufgeschrieben. Aber auch hier wurden mir Teste abgeliefert, die mich wirklich an meiner Unterrichtkunst zweifeln ließen. Es ist zum sich die Haare ausraufen. Man redet und redet und redet sich den Mund fusselig und bei den Kindern scheint nichts anzukommen.

Auch wenn ich den Kindern ein Lied beibringe, können sie es ganz gut mitsingen, nachdem man mit viel Geduld die Aussprache geübt hat. Aber danach erinnern sie sich leider nicht mehr daran, was genau die Übersetzung war. Aber dafür lieben sie meine Lieder. Eine Schülerin meinte neulich zu mir. „Christina, Sie sollten Musik unterrichten!“ Das schmeichelt mir zwar schon ein bisschen, bringt mich aber in dem Punkt „Ich bringe euch Englisch bei!“ auf keinen Fall weiter! Ich hatte eine interessante Unterhaltung mit einem Lehrer von Fe y Alegriá. Der hat mir erzählt, dass wohl das größte Problem sei, dass die Kinder nicht daran gewöhnt sind, zu lesen. Hier liegt der Jahresdurchschnitt bei einem Buch pro Person. Zum Vergleich: In Europa liegt er bei 9 Büchern, in den Staaten bei 5,5.

Außerdem wurde ich auch zur Cotutorin gemacht. Das heißt, dass ich in der Secundaria (der weiterführenden Schule) in einem Salon zwei Tutorstunden in der Woche mit leite. Es ist schwieriger als ich gedacht habe, da die Kinder 13 Jahre alt sind. Ich weiß, dass das ein schwieriges Alter ist. Aber dass es so schwierig sein könnte... Die Leute mögen nichts. Keine gruppendynamischen Spiele, keine Lieder... nichts! Da muss ich noch was finden, um sie motivieren zu können.

Und einmal die Woche bin ich noch in Aprendamos Juntos. Viel mit Kindern habe ich da im Augenblick nicht zu tun. Eher mit Bergen von Papier und Computern, da ich Teste auswerten darf, oder veraltete Teste ausmisten. Aber im Mai fangen wieder Sessionen mit den Kindern an.

Mit meiner Arbeit in der Behindertenschule habe ich aufgehört. Ich fand die Arbeit sehr schön, aber leider reicht mir die Zeit nicht mehr aus.

In der Comunidad hat sich einiges geändert. Die größte – ungewollte - Veränderung ist, dass Schwester Marcella für eine Operation nach Puerto Rico geflogen werden musste. Schwester Marcella war im anderen Kloster des Konventes in einem anderen Stadtteil Limas. Als zweites ist auch leider Karina nach Canto Grande (der Stadtteil Limas) geschickt worden, um dort zu leben. Dafür ist bei uns jetzt Schwester Lili, die früher in Canto Grande war, bei uns. Oder auch nicht... Sie reist ziemlich viel aufgrund ihrer Arbeit im Konvent. Die Jugendlichen der Gemeinde sind alle ganz unglücklich, dass Karina gegangen ist. Sie war einfach eine ganz Tolle! Volle 1,40 groß, aber das macht ihr Mundewerk wieder wett, wie man das eben so schön auf schwäbisch ausdrücken würde. Sie hat eine ganz besondere Gabe, die Herzen der Menschen zu berühren, mit dem, was sie sagte. Und vor Allem, wie sie es sagte.


Es wird langsam kühler hier. Man merkt es nachts. Da läuft man nämlich gar nicht mehr gerne ohne Jacke durch die Gegend. Das macht mich nicht gerade glücklich. Denn ich will gar nicht erst an die Zeit denken, in der es wieder kalt wird und man nur unter der Dusche warm wird. Es ist auch ganz ungewohnt, wenn man hört, dass der Juli richtig kalt wird. Denn für mich ist „Juli““ der Inbegriff warmen Wetters. Aber so ist es eben. Ich hatte Weihnachten in warmen Wetter, an Silvester nicht gefroren und bei den Dreikönigen wusste ich schon gar nicht mehr, wie es ist, abgefrorene Hände zu haben. Bei den Carnavales haben wir uns mit Wasser und Farbe angespritzt... Eben alles nur möglich, wenn man einigermaßen warmes Wetter hat. Aber noch kann man es ja ausnutzen =) Am besten mit gaaaaaaaaaaaaaanz vielen Mangos! Die leider auch schon sehr bald zu Neige gehen.... Nein! Ich will, dass Sommer bleibt!!!

Und hiermit will ich dann auch mit meinem Bericht schließen. Einem Bericht, der ganz kurz mein Leben hier anreißt, aber nie in Worte fassen könnte, was dieses Leben hier ausmacht. Ich freue mich auf jeden Tag, habe immer etwas zu tun, lebe in einer schönen Comunidad... mache meine Erfahrungen. Manchmal immer noch tastend und nach Halt suchend. Aber doch immer sicherer und selbstverständlicher. Ich versuche, alles in mich einzusaugen, was ich hier Neues kennenlerne. Mir ein Bild von dem Leben hier zu machen. Mein Bild, zum Teil, wie ich es selbst haben will. Nach meinen Vorstellungen der Farbkonstellationen, aber immer öfter gebe ich auch den Stift ab und lasse andere dieses Bild mit seiner Lieblingsfarbe aufpeppen und stelle fest, dass genau diese Farbe gefehlt hat, um mein Bild zu verschönern. Es wird nie perfekt werden, aber durch die verschieden Farben immer interessanter. Ich bin mir auch sicher, dass Gott sehr oft zu einem Stift greift und in meinem Bild seine Spuren hinterlässt. Und dafür danke ich ihm.









Ein Zwischenbericht wie jeder andere aus Lima, Villa El Salvador


Ich habe wirklich schreckliches Pech! Erst habe ich immer mit dem Bericht angefangen, zwei Tage später durchgelesen. Für nicht gut befunden, neu geschrieben. Seit einer halben Ewigkeit war mein Bericht fast fertig. Dann hab ich ihn geändert. Daraufhin wollte ich nur noch ein paar Bilder hinzufügen – Virus. Datei gelöscht. Neu geschrieben. Alles am Computer abgestürzt. Ganze Datei weg (war ein wirklich schöner Bericht), Computer neu formatieren lassen. Hat 4 Tage gedauert, bis er wieder auf Neuzustand war. Als ich endlich wieder Zeit hatte, den Bericht getippt, Bilder eingefügt. Wurde nicht fertig, am nächsten Tag wollte ich weiter machen. Probelizenz meines Programmes abgelaufen. Neu herunterladen wollen, Internetverbindung abgebrochen. Neuer Versuch... wieder. Neues Programm aber anderer Firma heruntergeladen, da schneller herunterzuladen. Dazu gezwungen, alles neu zu schreiben! Meine schönen Berichte =(

Deshalb müsst ihr jetzt euch mit einem weniger eindrucksvollen Bericht abgeben, der auch nicht halb so schön gestaltet ist. Und auch weniger geistreich. Mit weniger Witz und guten Pointen. Dies wird einfach ein Bericht... ganz gewöhnlich. Wie jeder andere. Naja. So ist das Leben eben. Es kann eben nicht alles gut gehen im Leben. Und bei mir läuft es sonst hier mehr als prächtig, was mich auch dazu veranlasst, nicht weiter über die Technik oder
andere Dinge zu klagen.





Lima – eine Stadt so vielfältig und facettenreich wie das Leben selbst
Eine Stadt, 43 Distrikte, achteinhalb Millionen Einwohner und ein jeder hat seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ob das nun der reiche Makler ist, der im Bonzenviertel La Molina wohnt oder der einfache Süßigkeitenverkäufer, der hier gleich um die Ecke wohnt. Nimmt man sich Zeit, um mit offenen Augen durch die vielen Winkel dieser Riesenstadt zu gehen, dann kann man gar nicht anders, als total beeindruckt zu sein. Ich bin beeindruckt. Und bin verliebt in eine Stadt, die pulsiert, die feiert, die trauert, die ernst und hässlich sein kann, einen beinahe zur Verzweiflung bringt von so Stumpfsinn und unnützen Dingen, und die auf der anderen Seite großartige Künstler beherbergt, eine Stadt, in der man jeden Tag von Unfällen, Raubzügen und Toten hört und die mir doch einfach ihr schönstes Gesicht gezeigt hat. Das ist Lima!


Lima ist voll von Gegensätzen, die krasser nicht sein könnten. Mir, die ich an die sogenannte Erste Welt gewöhnt bin, fällt das gar nicht so auf. Mir wurde das alles erst bewusst, als ich mehr mit einigen Freunden zu unternehmen begann. Und da wird es mir immer wieder bewusst, wenn ich die kleinen Kinder höre. Eines Abends hatte ich ein paar Freunde zum Reste verwerten eingeladen, da ich eine Woche alleine im Haus war und die riesige Menge an Essen, die mir hinterlassen worden war, unmöglich allein bewältigen konnte. Ein Freund hatte seine vierjährige Schwester mitgebracht. Sie betrat das Haus mit großen Augen und schaute dann auf den Kühlschrank: „Ist das ein Kühlschrank?“ „Ja Mirian, das ist ein Kühlschrank.“ Und Mirian öffnete ehrfürchtig die Türe, hielt ihre Hand in den Kühlschrank, danach den Kopf, strahlte mich mit ehrfürchtigen Augen an und meinte: „Das ist ja das coolste, das ich je gesehen habe“, lachte still in sich hinein und schloss den Kühlschrank, um ihn jedes Mal dann zu öffnen, wenn ich etwas brauchte.
Wenn man sich in Villa El Slvador in den Bus setzt, dann kommt man in guten 40 Minuten in eine Welt, in der die Touristen ihre Shoppingtouren veranstalten und sich über „Schnäppchen“ freuen, die sich in meinen Augen zu horrenden Preisen entwickelt haben. Man betritt die Welt von Rolltreppen, von Lichtern, geordneten Läden, stilvoll ausgeschmückten Schaufensterläden, Fastfoodketten, von Brunnen, von Aufzügen, von Badesalzen und Duftkerzen. Man betritt die erste Welt. In diese Welt gehe ich zur Zeit oft, da ein guter Freund dort eine Veranstaltung hat, die absolut beeindruckend ist. Eines Abends begab ich mich mit Lisbeth und Wilmer, zwei guten Freunden aus Deporte y Vida (sprich einer sehr, sehr, sehr bescheidenen Gegend Villa el Salvadors) in diese Welt... ein gigantisches Einkaufszentrum, in dem alle großen Marken in Sachen Kleider und Essen vertreten sind. Um uns die Zeit ein bisschen zu vertreiben, während wir auf den Auftritt warteten, fuhren wir mit der größten Freude Rolltreppe und Aufzug. Ich fand es total beeindruckend, wie sehr ich mich an diesen Luxus gewöhnt habe, der andere Leute, die ungefähr in meinem Alter oder etwas jünger sind, in Staunen versetzte. Wie bei kleinen Kinder eben, die in Allem noch ein kleines Wunder sehen. Jetzt erinnere ich mich wieder, wie ich als Kind beinahe ehrfürchtig auf eine Rolltreppe geklettert bin. Und ja, ich freue mich darüber, dieses Gefühl zu kennen. Die Welt in manchen Dingen wieder mit den Augen eines Kindes gesehen zu haben. Oder eben so peu a peu lerne, welche Gegenstände schon zu Luxus zählen. Rolltreppe, Aufzug und Kühlschrank gehören auf jeden Fall dazu.
Oder auch ein Grab in Erde, das mit einem Beet oder Ähnlichem versehen wurde. Im Monat Februar habe ich nämlich zwei Beerdigungen beigewohnt. Eine hat mich persönlich schwer getroffen, da es sich um eine 40 jährige Mutter handelte, die an Krebs gestorben ist. Fünf Kinder wurden zurückgelassen und ein Vater, der mit seiner Arbeit kaum Geld verdienen kann. Auch diese Frau kannte ich von Deporte y Vida.
Es gibt einen Friedhof in Villa El Salvador. Eine Sandwüste und ein Meer von Kreuzen und auf einer Seite Häuser. Vor einigen Jahren haben sich hier Menschen angesiedelt und konnten nicht vertrieben werden. Aufgrund dieser Invasion gibt es jetzt aber leider nicht mehr genug Platz für all die Toten. Wenn so weiter gestorben wird, dann ist innerhalb kürzester Zeit der Friedhof voll. Deshalb bekommen viele Leute ihr Grab ein Jahr lang vermietet. Wenn man danach eine bestimmte Kaution nicht zahlen kann, na dann hat man Pech gehabt. Das Grab wird ausgehoben und für jemanden anderen benutzt, der vielleicht zahlen kann.
Die verstorbene Senora Teresa wurde unter nicht endenden „Teresa Victoria Gonzales“ -“Presente“
(„Teresa Victoria Gonzales“ - „Anwesend“) nach der Totenwache zu einem Combi getragen, von dort aus zum Grab, das gerade noch von einem Angehörigen ausgehoben wurde, und dort beerdigt. Eine kleine Ansprache – kein Priester. Unter Tränen schaufelten viele Männer das Grab wieder zu, während ein einsamer Süßigkeitenverkäufer eine Bonboschachtel schüttelte, um darauf aufmerksam zu machen, dass man auch jetzt Süßigkeiten, Zigaretten und etwas zu Trinken kaufen könnte.Und dort liegt sie nun – vielleicht ein Jahr, vielleicht länger. Möge sie ruhen in Frieden.
Die zweite Beerdigung war von der Mutter von Sr Lucy, die auch an Krebs gestorben war. Unterschiedlicher hätten die beiden Beerdiungen gar nicht ablaufen können. Sr Lucys Mutter – obwohl auch arm, aber nicht halb so arm wie Senora Teresa – hatte dank einer liebenden Familie die Möglichkeit auf einem Friedhof begraben zu werden, der in einer Oase in einer ewigen Sandwüste liegt. Ein wunderschön angelegter Park und eine schöne Feier davor. Es gab aber nicht ganz so viele „Presente“ - Rufe und zum Schluss war ich mehr als geschockt! Vor versammelter Trauergemeinschaft wurde ein Bagger angeworfen und das Grab zugeschaufelt! Vor versammelter Trauergemeinschaft! Den Reaktionen der Angehörigen konnte man anmerken, dass die das auch nicht ganz so normal finden.

Meine Arbeit

Während der Ferien habe ich morgens bei den Martincitos gearbeitet. Meist jedoch in der Küche, wo sie mich sofort adoptiert haben und mir ganz selbstverständlich alles kleinschneiden ließen. Mir gefiel die Arbeit in der Küche sehr gut, auch wenn man manchmal nach einer Stunde Leberauseinandernehmen schrecklich eklige Hände hatte. Wenn in der Küche nichts mehr zu tun war, dann habe ich mich mit den alten Leuten beschäftigt. Sie sind einfach supersüß! Freuen sich immer unglaublich, dich zu sehen und wollen dir auch alle sofort einen Kuss auf die Backe drücken. Problem dabei ist aber, dass ich sehr oft nach diesem Kussmarathon auf der rechten Backe einen schrecklich juckenden Ausschlag hatte. Also versuchte ich, das so gut wie möglich einzuschränken. Mit mehr oder minder großem Erfolg, da die Herrschaften schrecklich beleidigt sein können, wenn man sie nicht anständig grüßt.
Außerdem half ich in meinem absoluten Lieblingsarbeitsplatz mit. Deporte y Vida. Hier führten wir „Talleres“ durch. Also verschiedene Workshops, um es auf Neudeutsch auszudrücken. Ich hatte einen Gitarren – und einen Origamitaller zugeteilt bekommen. Der Origamitaller war mehr als anstrengend, da er als „offener Taller“ durchging. Das bedeutet im Klartext, dass alle Kinder kommen konnten, oder eben nicht. Das bremste mich persönlich etwas aus, da ich nie etwas Komplexeres machen konnte, weil es immer Neue zu versorgen gab, die die Grundfalttechnik noch nicht kannten. Außerdem kamen auch zum Teil einfach 3 – jährige Kinder an, die aber schlichtweg noch zu jung für so etwas sind, da zu ihren Fähigkeiten noch nicht unbedingt zählt, exakt falten zu können. Dafür aber sehr nett lächeln, dass es mich überkam, ihnen alles zu falten.


Der Gitarrentaller gestaltete sich auch als unglaublich schwierig, da die Kinder sehr oft durch Abwesenheit glänzten. Außerdem hatten sie auch keine eigenen Gitarren. Aufgrund dessen war es ihnen auch unmöglich, zu üben. Aber somit war eben auch der Fortschritt gleich 0,0! Mit anderen Worten: Die Kinder lernten fast nichts. Sehr schade, aber ich versuche weiter mein Glück!

Im Augenblick arbeite ich nur noch im Colegio und Deporte y Vida und in der Kapelle, natürlich.
Im Colegio habe ich nach wie vor 4. und 5. Klassen mit Englischunterricht zu versogen, wobei sich das in soweit geändert hat, dass meine ehemaligen Sechstklässler jetzt in der weiterführenden Schule sind und meine Fünftklässler neu sind. Ich habe ja aufgrund der schlechten Ergebnisse des letzten Halbjahres gedacht, dass das, was ich von den Kindern verlangt habe, vielleicht etwas zu viel gewesen wäre. Aber da habe ich mich glaub ich getäuscht... ich habe vor Kurzem mit den Sechstklässlern einen Test geschrieben. Das war nur das absolut Grundlegende! „Hallo, wie geht es?“ und ähnliche Scherze. Die Stunde davor haben wir das alles noch einmal aufgeschrieben. Aber auch hier wurden mir Teste abgeliefert, die mich wirklich an meiner Unterrichtkunst zweifeln ließen. Es ist zum sich die Haare ausraufen. Man redet und redet und redet sich den Mund fusselig und bei den Kindern scheint nichts anzukommen.

Auch wenn ich den Kindern ein Lied beibringe, können sie es ganz gut mitsingen, nachdem man mit viel Geduld die Aussprache geübt hat. Aber danach erinnern sie sich leider nicht mehr daran, was genau die Übersetzung war. Aber dafür lieben sie meine Lieder. Eine Schülerin meinte neulich zu mir. „Christina, Sie sollten Musik unterrichten!“ Das schmeichelt mir zwar schon ein bisschen, bringt mich aber in dem Punkt „Ich bringe euch Englisch bei!“ auf keinen Fall weiter! Ich hatte eine interessante Unterhaltung mit einem Lehrer von Fe y Alegriá. Der hat mir erzählt, dass wohl das größte Problem sei, dass die Kinder nicht daran gewöhnt sind, zu lesen. Hier liegt der Jahresdurchschnitt bei einem Buch pro Person. Zum Vergleich: In Europa liegt er bei 9 Büchern, in den Staaten bei 5,5.

Außerdem wurde ich auch zur Cotutorin gemacht. Das heißt, dass ich in der Secundaria (der weiterführenden Schule) in einem Salon zwei Tutorstunden in der Woche mit leite. Es ist schwieriger als ich gedacht habe, da die Kinder 13 Jahre alt sind. Ich weiß, dass das ein schwieriges Alter ist. Aber dass es so schwierig sein könnte... Die Leute mögen nichts. Keine gruppendynamischen Spiele, keine Lieder... nichts! Da muss ich noch was finden, um sie motivieren zu können.

Und einmal die Woche bin ich noch in Aprendamos Juntos. Viel mit Kindern habe ich da im Augenblick nicht zu tun. Eher mit Bergen von Papier und Computern, da ich Teste auswerten darf, oder veraltete Teste ausmisten. Aber im Mai fangen wieder Sessionen mit den Kindern an.

Mit meiner Arbeit in der Behindertenschule habe ich aufgehört. Ich fand die Arbeit sehr schön, aber leider reicht mir die Zeit nicht mehr aus.


In der Comunidad hat sich einiges geändert. Die größte – ungewollte - Veränderung ist, dass Schwester Marcella für eine Operation nach Puerto Rico geflogen werden musste. Schwester Marcella war im anderen Kloster des Konventes in einem anderen Stadtteil Limas. Als zweites ist auch leider Karina nach Canto Grande (der Stadtteil Limas) geschickt worden, um dort zu leben. Dafür ist bei uns jetzt Schwester Lili, die früher in Canto Grande war, bei uns. Oder auch nicht... Sie reist ziemlich viel aufgrund ihrer Arbeit im Konvent. Die Jugendlichen der Gemeinde sind alle ganz unglücklich, dass Karina gegangen ist. Sie war einfach eine ganz Tolle! Volle 1,40 groß, aber das macht ihr Mundewerk wieder wett, wie man das eben so schön auf schwäbisch ausdrücken würde. Sie hat eine ganz besondere Gabe, die Herzen der Menschen zu berühren, mit dem, was sie sagte. Und vor Allem, wie sie es sagte.


Es wird langsam kühler hier. Man merkt es nachts. Da läuft man nämlich gar nicht mehr gerne ohne Jacke durch die Gegend. Das macht mich nicht gerade glücklich. Denn ich will gar nicht erst an die Zeit denken, in der es wieder kalt wird und man nur unter der Dusche warm wird. Es ist auch ganz ungewohnt, wenn man hört, dass der Juli richtig kalt wird. Denn für mich ist „Juli““ der Inbegriff warmen Wetters. Aber so ist es eben. Ich hatte Weihnachten in warmen Wetter, an Silvester nicht gefroren und bei den Dreikönigen wusste ich schon gar nicht mehr, wie es ist, abgefrorene Hände zu haben. Bei den Carnavales haben wir uns mit Wasser und Farbe angespritzt... Eben alles nur möglich, wenn man einigermaßen warmes Wetter hat. Aber noch kann man es ja ausnutzen =) Am besten mit gaaaaaaaaaaaaaanz vielen Mangos! Die leider auch schon sehr bald zu Neige gehen.... Nein! Ich will, dass Sommer bleibt!!!
Und hiermit will ich dann auch mit meinem Bericht schließen. Einem Bericht, der ganz kurz mein Leben hier anreißt, aber nie in Worte fassen könnte, was dieses Leben hier ausmacht. Ich freue mich auf jeden Tag, habe immer etwas zu tun, lebe in einer schönen Comunidad... mache meine Erfahrungen. Manchmal immer noch tastend und nach Halt suchend. Aber doch immer sicherer und selbstverständlicher. Ich versuche, alles in mich einzusaugen, was ich hier Neues kennenlerne. Mir ein Bild von dem Leben hier zu machen. Mein Bild, zum Teil, wie ich es selbst haben will. Nach meinen Vorstellungen der Farbkonstellationen, aber immer öfter gebe ich auch den Stift ab und lasse andere dieses Bild mit seiner Lieblingsfarbe aufpeppen und stelle fest, dass genau diese Farbe gefehlt hat, um mein Bild zu verschönern. Es wird nie perfekt werden, aber durch die verschieden Farben immer interessanter. Ich bin mir auch sicher, dass Gott sehr oft zu einem Stift greift und in meinem Bild seine Spuren hinterlässt. Und dafür danke ich ihm.












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