Adventsgruesse

Advent? Hä? Also ich bin noch überhaupt nicht in Advents oder Weihnachtsstimmung! Das hat mehrere Gründe:
Zum Einen ist Chennai eine interreligiöse Stadt und daher gibt es keine lange Vorbereitungszeiten (wie z.B. die Adventszeit) für religiöse Feste. Es fehlt also ein Adventskranz, Weihnachtsplätzchen und vieles mehr. Das Einzige was mir persönlich nicht fehlt sind die hässlichen Weihnachtsdekorationen, die man häufig in Deutschland findet.
Zum Anderen fehlt der Schnee. Obwohl es hier gerade richtig kalt ist (das heißt 19°C), wird es trotzdem nie zum Schnee reichen. Allerdings haben nun die Meisten schon ihre Pullover ausgepackt, die wohl höchstens ein- oder zweimal im Jahr gebraucht werden. Auch unsere Coremember laufen heute das erste Mal mit Pullis rum.
links franci, in der mitte mary und rechts peter
Auf jeden Fall bin ich mal gespannt wie das Weihnachten hier in der Asha Niketan ablaufen wird.

Da ich nun schon ewig nichts mehr in meinen Blog geschrieben habe, versuche ich mal die letzten zwei Monate nachzuholen:

Inzwischen sind wir hier in das neue Haus eingezogen und ich habe nun schon seit Mitte Oktober Veeran als Zimmerkollegen.
Einzug ins neue Haus

Veeran heißt übersetzt Soldat. Diesen Namen hat er sich verdient, weil er anfangs in der Asha Niketan um sich geschlagen hat, Assistenten gewürgt hat und Essen nicht weitergeben konnte - dieses hat er dann in Rekordzeiten verschlungen. Nun lebt er hier schon lange Zeit und inzwischen bemerkt man nichts mehr von seiner kämpferischen Seite. Er läuft den ganzen Tag rum und versucht die Zeit zu vertreiben. Dabei ist er aber so lieb, dass man ihm eine solche Vergangenheit gar nicht zutraut. Die Asha Niketan hat ihn damals aus einem völlig überfüllten Behindertenheim aufgenommen. Dort musste er wohl ständig um sein Essen kämpfen und lebte wohl unter schlechtesten Bedingungen. Manchmal sieht man noch wie er sein Essen mit einem völlig verzweifelten Blick weitergibt.
Seine Statur ist einmalig: Er ist etwa 1,75m groß und seine dünnen Beine bilden einen Wiederspruch zu seinem prallen, rießigen Bauch. Auf diesen Bauch legt er sogar seine Hände ab und läuft in dieser "Männchen"-Stellung rum. Zudem fehlt ihm das passende Gesäß. Dieses ist nämlich wie seine Beine zu dünn für seinen Bauch. Insgesamt wirkt er Schwanger!
Mit ihm hatte ich nun noch kaum Probleme. Einmal sollte ich ihm ein Wattebällchen ins Ohr stecken, weil er öfters eine Ohreninfektion hat. Das hat ihm wohl etwas weh getan und er wollte weglaufen. Als ich ihn zurückhalten wollte hat er richtige Spannungen bekommen und ist mit aufgerissenen Augen zappelnd weg gelofen. Ansonsten nervt mich ab und zu, dass er nachts erst kurz vor knapp aufs Kloh läuft und dann auf dem Weg zum Kloh seinen Urin verliert. Wer darf dann natürlich aufstehen und mitten in der Nacht moppen!
Veeran
Das neue Haus ist sehr mangelhaft! Beim ersten Regen tropfte es schon durch einen elektrischen Anschluss für ein Licht. Vor rund zwei Wochen rauchte der Sicherungskasten, weil irgend etwas einen Kurzschluss verursachte. Außerdem ist das Spülbecken so hoch gebaut, dass alle außer mir einen Hocker brauchen, damit sie dort spülen können. Insgesamt ist das Haus viel zu dunkel gebaut. Wenn alle Türen geschlossen sind sieht man tagsüber kaum etwas in dem Gang zu den Zimmern. Auch hätte man mehr Zimmer bauen können und weniger Duschen. Wir haben nun 5 Baderäume - wer braucht das?
Es ist typisch indisch nach dem "Carpe Diem"-Rezept gebaut: Lieber groß und protzig, statt klein und raffiniert!

Auch meine Arbeit hat sich geändert. Vor etwa 3 Wochen bin ich vom D.C. in den Garten gewechselt. Im Garten waren wir bisher fast nur beschäftigt mit Gras rausrupfen - eine echt blöde Arbeit - und Garten umgraben, um neue Pflanzen sähen zu können. An den Regentagen - zur Zeit ist der Monsun da, der sich aber noch nicht heftiger wie ein normaler Regentag in Deutschland gezeigt hat - machen wir entweder Pappmasche-Eimer oder Besen aus Kokosnussblättern. Nach diesen ersten Wochen vermisse ich die Arbeit im D.C., die doch immer sehr gemütlich war.
drei Arbeiter vom Gartenteam

Was sich in meiner Freizeit geändert hat: Ich kenne nun einige Inder. Fast jedes Mal, wenn ich mit dem Bus irgendwo hinfahre lerne ich jemand neues kennen. Jedoch habe ich kaum Zeit diese zu besuchen :-(.
Vor zwei Monaten schrieb mich dazu noch ein Priester aus Deutschland an, der unseren Vorbereitungskurs gemacht hat, und fragte mich, ob ich seinem Cousin (auch ein Preister) helfen könne, Deutsch zu lernen, weil dieser Ende November nach Deutschland fliegt. So verbrachte ich einiges meiner freien Zeit bei ihm. Durch ihn lernte ich auch noch ein paar andere Priester hier in Chennai kennen, zudenen ich jederzeit kommen kann.
Außerdem wollen mich die meisten Assistenten mal mit zu ihren Familien nehmen.

Insgesamt habe ich nun ein gutes Gefühl hier. Ab und zu habe ich zwar noch ein "Tief", aber meistens folgt dann auch das entsprechende "Hoch"! Zu den Assistenten habe ich gute Beziehungen und benenne sie auch schon mit den tamilischen Wörtern für ältere und jüngere Schwester (akka und Tanggeji), älterer Bruder (anaa) und Mutter (amaa).
Fertig macht mich solangsam das frühe Aufstehen. Seit einigen Wochen habe ich nun nicht mehr länger als 6.10 Uhr geschlafen und bin meistens um 22.30 ins Bett gegangen. Also entweder ich werde das gewöhnt, oder ich muss mir abgewöhnen so lange wach zu bleiben :-).

So viel aus dem rätselhaften Indien!

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